Anuradha Vashisht besucht den Siddhanath Forest Ashram in Pune, India und kehrt bereichert und bis auf den Grund ihrer Seele gesättigt zurück.

Ein Raunen ertönt, wenn die Tiere des Dschungels eine menschliche Gestalt wahrnehmen, die vorsichtig ihren Weg sucht auf dem Pfad, der voller Äste liegt. Das Rascheln der Blätter unter den Füßen hört sich an wie eine Beschwerde, während weitere Blätter von den Bäumen fallen, bereit, ebenfalls zertrampelt zu werden.

Ein weiteres einsames, trockenes Blatt zittert in der frischen Winterluft, die ewig auf der Reise hierher war, und landet sanft vor meinen Füßen. Auch ich zittere, als ich mich hinabbeuge und es in meiner Hand halte. Sein berauschender Duft ruft ein überwältigendes Déjà vu hervor und reißt mein Wesen mit sich in eine andere Zeit, eine andere Ära. Das wilde Pochen meines Herzschlags klingt im Wald ohrenbetäubend laut. Und dann verschlingt die Stille alles – den Atem, das Herz, die Gliedmaßen, den Verstand, die Gedanken und auch die Zeit.

Das Geläut einer Tempelglocke durchsticht den Nebel des Nichtdenkens und bringt mich zurück zu meinen Sinnen. Es ist meine fünfjährige Tochter, die ihre Anwesenheit an dem idyllischen kleinen Shiva-Tempel, der auf dem vor mir liegenden Hügel liegt, ankündigt. Habe ich dies schon einmal in meiner Hand gespürt? Dieser Gedanke durchbohrt meinen Verstand, während sich meine Faust um das kleine Blatt schließt, das mich noch einen Moment zuvor der Ewigkeit vorgestellt hatte. Ich gehe zurück zum Ashram.

Der Ashram. Er scheint aus meinem Bewusstsein auferstanden zu sein, nachdem er dort viele hundert Jahre lang geschlummert hatte. Was war es, das den Ashram so vertraut erscheinen ließ, obwohl dies mein erster Besuch dort war? Warum fühlte ich mich dort so geborgen und vollkommen sicher, während ich barfuss im Ashram herumlief? Ich schmiegte mich noch ein wenig mehr in seine Wärme, während die Luft meine Seele umarmte und ich einatmete; jeden Moment meines Aufenthaltes nahm ich tief in mich auf.

An Gurunaths Ashram wird seit mehr als 25 Jahren gebaut – eine anstrengende Arbeit der Liebe, Geduld und Standhaftigkeit – erbracht von Yogiraj Gurunath und seiner Seelenverwandten Shivangini, unserer Gurumata, die wir voller Liebe Ayee (Mutter) nennen. Spirituelle Meister haben diese Gegend seit mehr als 5.000 Jahren bewohnt, erzählte uns Gurunath.

Eingebettet in das Tal Sita Mai in Sinhagadh (Lion Fort – Löwenfestung), 30 km entfernt von Pune, ist der Ashram von drei Seiten von Hügeln umrahmt. Ein kleiner Shiva-Tempel, den SatGurunath erfüllt von Hingabe mit seinen eigenen Händen gebaut hat, überblickt den Ashram von einer Anhöhe im Nordosten.

Dies ist auch die Richtung, aus der vor Zeiten ein seltsamer Panther in den Ashram eingedrungen war. Zwei Bäche, die nur in der Regenzeit Wasser führen und vom umliegenden Dschungel kommend den Ashram von Südosten nach Nordosten durchschneiden, tragen ein Übriges zur Idylle bei.

Die ganze Szenerie des Ashrams ist angenehm vertraut. Er ist der Inbegriff des klassischen Ashrams von einstmals, in dem Rishis und Munis (Göttliche Weise) den Reichtum des Wissens an die nächste Generation weitergaben und reine Weisheit im Überfluss vorhanden war, die den Durst der Suchenden stillte.

Reihen von Mangobäumen, einst vom Guru und von Gurumata mit Liebe und Bedacht gepflanzt, der fruchtbare Duft lebenserhaltender Erde – eine lebendige, grüne Oase inmitten dieser kargen, hügeligen Landschaft. Weit weg vom Großstadtlärm der modernen Welt, so lebendig und pulsierend im Schoß der Natur, getragen auch von der glühenden Hingabe der Schüler, vermittelt dieses Tapobhoomi (Heiliges Land) der Nath Yogis (Erleuchtete, göttliche Meister) den Yoga der Zeitlosen Evolution an alle ernsthaften Wahrheitssucher.

Wir waren glücklich und zufrieden in dieser verjüngenden Umgebung und erlebten eine Vielzahl an Momenten, in denen die Zeit stillstand. Wir waren gekommen, um am “New Life Awakening Camp” teilzunehmen, das von der Hamsa Yoga Sangh organisiert wurde. Weit ab von unerträglichen Menschenmengen und befreit von unserem Alltag, beteten wir verzweifelt darum, in einer Zeitschleife gefangen zu werden. Gleichmut und Heiterkeit dieses Ortes waren überwältigend. Da der Verstand aus dem Weg geräumt war, wurden die Meditationen immer müheloser. Die Satsangs mit dem Guru waren ganz besonders elektrisierend und wir konnten nicht genug von ihnen bekommen.

Der Tag begann früh mit den Hamsa-Atemübungen und anderen Techniken. Danach sollte eigentlich ein informelles Beisammensein mit Gurunath folgen, das aber unweigerlich in einen Satsang überging. Gemäß der indischen Tradition gab es kein ausgiebiges Frühstück, sondern wir bedienten uns an den Früchten, die in großer Auswahl unter einem Mangobaum bereitlagen.

Wie im Traum floss der Tag dahin, während wir vollkommen gebannt Gurunaths tiefen spirituellen Weisheiten lauschten. Sein Blasen der Muschel, um das Mittagessen anzukündigen, Ayee’s köstliche Mahlzeiten, die wunderbar zubereitet waren, der wunderbare Aam Ras (Mango Brei), der aus den Alphonso-Mangos des Ashrams hergestellt wurde, Abendessen unterm leuchtenden Sternenhimmel, spärlich erleuchtete Hütten, die fremdartigen Klänge des Dschungels in der Nacht – alles floss dahin wie eine perfekt komponierte und gespielte Symphonie. Jeden Moment eines jeden Tages wurden wir mehr und mehr von der Musik des Lebens erfüllt, die wir spielten und die uns spielte.

Die Nächte gehörten dem Goshti (Erzählen spiritueller Geschichten), und wir vertrieben die Kälte mit Dhunis (Heilige nächtliche Feuer). Dies war eine extrem außergewöhnliche Zeit, in der uns Gurunath mitnahm in die neblige Vergangenheit und alle Grenzen zwischen Mythen und Realität auslöschte. Er erzählte von seinen Begegnungen mit den Meistern des Himalayas, die dort seit hunderten von Jahren meditieren und dadurch das Universum im Gleichgewicht halten. Staunend hörten wir von seinen Erlebnissen mit “Ihm, über den nichts gesagt werden kann” (Babaji Gorakshanath).

Gurunaths Erzählungen werden immer tiefergehend, je später die Nacht ist, und lassen und erschöpft und zugleich beschwingt zurück. Wenn die Morgendämmerung sich auf Zehenspitzen anschleicht, sind wir bereit, in die Arme des erholsamen Schlafes zu sinken. Bei unserer Rückkehr, wenn die Sonne bereits hoch am Himmel steht, sind die Bernsteinfarben der nächtlichen Feuer immer noch voll pulsierenden Lebens.

Die Abende waren die Zeit für Wanderungen. Eine halbe Stunde strammen Marschierens mit Gurunath durch den freundlichen Wald brachte uns an einen Ort, an dem Lord Rama und seine Ehefrau Sita für eine Weile Halt gemacht hatten, um dann ihre Reise Richtung Süden fortzusetzen. Ein Shivalingam (Shiva gewidmeter, heiliger Schrein) und einige schwer zu identifizierende natürliche Steinskulpturen legen Zeugnis ab von der uralten Geschichte dieses Ortes. Ganz nahe liegt die Höhle, in der Yogiraj Gurunath viele Jahre lang intensive spirituelle Sadhana (Meditation) praktizierte.

Eine nächtliche Wanderung ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Als wir bummelten, erzählte er von den Geistern, die die Dunkelheit beherrschen, und von den Dakhinis (Waldgeister), von denen gesagt wird, dass sie menschliche oder andere Gestalt annehmen, um einen in die Irre zu führen.

Die unheimliche Stille des Dschungels wurde unterbrochen durch das Flügelschlagen eines aufgeschreckten Vogels oder die Rufe anderer Tiere des Dschungels. Trockene Blätter raschelten unheimlich unter unseren Füßen, während wir versuchten, mit Gurunath mitzuhalten und uns an unsere Fackeln klammerten. Jeder einzelne hörte düster zu, während Gurunaths Stimme in der rauen Dschungelumgebung widerhallte.

Es war die perfekte Kulisse für einen gruseligen Thriller. So perfekt, dass eine der Schülerinnen, als sie über einen Fels stolperte, dachte, es sei die Hand eines Dakhinis gewesen, die ihr einen kräftigen Schubs gegeben hätte. Der Humor war uns allen vergangen, bis diese Begebenheit später im Ashram noch einmal erzählt wurde.

Ein weiteres, sehr beruhigendes Merkmal unseres wochenlangen Aufenthaltes im Ashram war Ayee. Die geschmeidige Anmut, ruhige Beständigkeit und Effizienz, mit der sie alle alltäglichen Dinge im Ashram organisierte, versetzte uns alle in ehrfürchtiges Erstaunen.

Als Ayee uns zum Abschied zuwinkte, während wir im Auto den Heimweg antraten, rief sie uns zu: “Schaut zurück, schaut zurück, damit ihr wiederkommt!”

Es ist nun schon eine Weile her, seit ich aus dem Ashram „nach Hause“ gekommen bin, und ich frage mich immer noch: “Bin ich wirklich zurückgekehrt?!”

 

(übersetzt aus dem englischen Original: http://www.awarenessmag.com/julaug06/ja06_closly_guarded.htm)