Zehn Tage vor den Feierlichkeiten anlässlich seines siebzigsten Geburtstags warnte Gurunath das Organisationsteam der Hamsa Yoga Sangh (HYS) davor, dass es sicher an diesem Tag regnen würde. Er riet ihnen, ein wasserdichtes Dach über der Hauptbühne zu erreichten. Etwas leichtsinnig erwiderten die Hamsas, dass kein Regenschutz notwendig sei solange Gurunath bei ihnen ist.

 

Am Abend der Feierlichkeit war die Stimmung festlich und fröhlich und die Begeisterung der Anhänger erreichte einen ersten Höhepunkt. In diesem Moment erschien wie aus dem Nichts eine einzelne Wolke und trieb auf wundersame Weise direkt in Richtung des Erdfriedenstempels. Alle Anwesenden waren verblüfft, dass der Himmel ansonsten vollkommen wolkenlos war. Nur diese einzelne Wolke begann leichten Regen wie eine Segnung auf den Ashram herabregnen zu lassen. In den Gedanken der Schüler entstand Sorge, dass stärkerer Regen die Feier verderben könnte und sie baten den Meister, dies zu verhindern

 

Gurunath versenkte sich in Stille. Urplötzlich sahen die Schüler, wie der Regen nachließ und die Regentropfen mitten in der Luft kehrt machten als ob sie in die Wolke zurückgesogen würden. Hunderte Menschen waren Zeugen dieses einmaligen Phänomens. Später an diesem Abend erzählte Yogiraj fast beiläufig, dass er zwar schon „Bhajjiyas”, einen scharfen indischen Snack, im Regen gegessen, aber bisher nie den Regen gestoppt hätte.

 

Dem Organisationsteam entfuhr ein Seufzer der Erleichterung und sie gingen zurück an ihre Aufgaben. Dabei murmelten sie leise „Jai Gurunath!” Unser geliebter Satguru und Gurumata erschienen nach einer Weile und die Feierlichkeiten wurden erfüllt von Bewunderung und Freude zelebriert. Aber das Rätsel dieses launenhaften Regens trieb uns immer noch um, nachdem wir am nächsten Tag aufgewacht waren

 

Als wir am nächsten Tag mit Gurunath im Nath Mandala saßen, wollten wir also unbedingt verstehen, warum die Regenwolke so plötzlich erschienen war und Regen auf uns herabprasseln ließ und warum der Regen genauso plötzlich wieder aufhörte, als ob er mitten in der Luft angehalten worden wäre. Durch sein geheimnisvolles Lächeln war es klar, dass er am Vorabend ohne jede Mühe ein Wunder sollbracht hatte. Er sagte: „Euer Glaube in mich brachte mich dazu zu tun, was ich getan habe. Denn alle, die den wahren Kriya Yoga praktizieren, haben die Kraft, das Prana des Satgurus zu bewegen, um auf ihre Gebete zu antworten. Wenn ihr also Kriya Yoga übt für eure Evolution und für den Erdfrieden, dann werden, durch die Gnade Babajis und meinen demütigen Dienst mittels Prana, Evolution und Erdfrieden geschehen. Aber wir alle müssen den gemeinsamen Willen haben, dies zu tun.”

 

Fortfahrend erklärte er uns, warum “Dharmamegha Samadhi die Wolke der Segnungen (cloud of virtue) genannt wird. Ein Yogi, der in und hinter diesem Samadhi fest verankert ist, kontrolliert das universelle geistige Feld und die gesamt Relativität. Diese Wolke regnete als eine Segnung des Dharmamegha Samadhis des Satgurus. Die Botschaft ist, dass der Kriya Yoga einem weit genug entwickelten Yogi die Kraft geben kann, die fünf Elemente zu beherrschen, ohne von ihren karmischen Wirkungen beeinflusst zu werden. Das Bewusstsein eines solchen Yogis liegt jenseits des Dharmamegha Samadhi, genannt Wolke der Segnungen (cloud of virtue)." Die Schüler waren sehr inspiriert und realisierten, dass ihr Satguru viel mehr als ein Siddha ist. Viele Schüler haben erfahren, dass er jenseits der Ebene eines Siddhas wandelt, obwohl er von sich selbst immer nur als “Diener der Menschheit” spricht.

 

Die Schüler auf dem Pfad (HYS)

Siddhanath Forest Ashram, Pune, 17. Mai 2014

 

Auszug aus "Flügel zur Freiheit" (Kapitel 12):

 

DHARMA MEGHA SAMADHI

 

Dies wird der Samadhi der „Wolke der Formen“ genannt. Eine klare Erläuterung dieses Zustands ist wichtig, um die Zustände der Erleuchtung vollständig zu verstehen.

Wenn dein Gewahrsein während des vierten, fünften und sechsten Stadiums von Samadhi gereinigt wurde und du weiterhin zwischen deinem bewussten Selbst und dem an das Denken gebundenen Ich unterscheidest, naht sich Dharma Megha Samadhi. Sogar Sat-Chit-Ananda (Wahrheit, Bewusstsein und Glückseligkeit), wie es durch das vereinheitlichte Feld des Universums reflektiert wird, muss man als verfeinerte Göttliche Materie verstehen. Wenn der Yogi wiederholt Samadhis ohne Samen erfährt, transzendiert er die sechste Dimension, die sich auf der anderen Seite der „Wolke der Formen“ befindet. Aber der Dharma Megha Samadhi stellt sich nicht ein, wenn nicht zuvor der letzte Rest karmischer Samskaras abgetragen wurde. Ein Mensch kann Erleuchtung oder lichte Samadhi-Zustände erfahren und trotzdem noch subtile gespeicherte Eindrücke aus vergangenen Leben in sich tragen, die noch nicht aufgelöst sind.

Wenn der Yogi dauerhaft und fest im samenlosen Samadhi verankert ist, wird er Yogarudh (eindeutig im höchsten Zustand Kosmischen Bewusstseins gegründet) genannt. All seine feinstofflichen karmischen Samskaras sind aufgelöst. Genauer gesagt: Einem Siddha, der die fünfte Ebene der Erleuchtung erfährt, widerfährt nicht Dharma Megha Samadhi. Doch ein Avadhut/Avatar, der die Dimensionen des siebten Grades hinter sich gelassen hat, wird von den Segnungen des Dharma Megha überschüttet werden.

Die höchste Ekstase der Wolke der Formen ist die sechste und siebte Dimension yogischen Bewusstseins. Es ist wirklich unmöglich, diese unsagbare Erfahrung zu beschreiben oder diesem erhabenen Zustand der Wahrheit gerecht zu werden. In dieser höchsten bewussten Ekstase ist dein Bewusstsein nicht nur dauerhaft vom denkenden Geist getrennt, der denkende Geist existiert nicht mehr! Er löst sich in seinen eigenen Laya-Zustand (Null) auf.

Der Übergang von Dharma Megha Samadhi zu Kaivalya ist so subtil und beides liegt so nah beieinander, dass es kaum erklärbar ist. Dieser Dharma Megha Samadhi ist weder Dharma noch Megha (in dem Sinn, wie wir die Worte verstehen), sondern das tatsächliche Ereignis von Kaivalya. Dieses Geschehen ist wirklich das Geschenk von Kaivalya selbst.

Bevor der Yogi seine endgültige Befreiung, Kaivalya, erlangt, erscheint der Göttliche Geist von Mutter Natur zwischen ihm und dem letzten Zustand. Dieses lichtlose Licht, das gleichsam zu verstehen gibt: „Bis hierher und nicht weiter!“ taucht noch zwischen dem Yogi und der letzten Befreiung auf. Dieses unbegreiflich strahlende Licht ist jenseits der Wolke von Omkar[1] (dem Geburtston der Schöpfung).

Und dann geschieht das, was das Verständnis von Sterblichen und Göttern gleichermaßen übersteigt: die Herabkunft der höchsten Qualität – und es bleibt nichts mehr, was noch zu geschehen oder nicht zu geschehen hätte. Der Yogi geht in das unsägliche Absolute, Kaivalya, ein!

 

KAIVALYA: PARAM SHIVA

DIE ESSENZ DES NICHT-SEINS!

 

Es ist nicht möglich, so einen unbeschreiblichen und erhabenen Zustand der Wahrheit zu Papier zu bringen. Hier wird nur ein demütiger Versuch dazu gemacht. Der Mensch in diesem Zustand erhebt sich über das bloße Einzeldasein. Sein Umfang ist unendlich. Er erfährt sein Zentrum überall und seine Peripherie nirgends. Der Yogeshwar ist in Brahma Nirvana, der Istigkeit, über die nichts mehr gesagt werden kann!



[1]  Omkar ist der heilige Keim von Licht/Klang (kleiner als der Atomkern). Er enthält alles, was einmal zum dreidimensionalen Universum wird. Zu Beginn jedes Schöpfungszyklus explodiert das Omkar aus dem Schoß der absoluten Mutter und wird zum Universum von Raum, Zeit und Materie. Der Lichtklang Om ist der Klang unmittelbarer Schöpfung – es ist die Mutter Natur selbst, die den Yogi mit Segnungen überschüttet, bevor sie sich selbst in ihre eigene transzendentale Matrix auflöst.